Murratore's Micro Blog

Sep 2026

PIA zieht ins Bundeshaus ein: Das Schweizer Parlament bekommt eine eigene KI-Assistentin

Das Schweizer Parlament rüstet sich für die künstliche Intelligenz: Mit «PIA» – kurz für «Parlamenti Intelligentia Artificialis» – starten die Parlamentsdienste im Herbst 2026 einen rund einjährigen Pilotbetrieb. Hinter dem lateinisch klingenden Namen verbirgt sich eine KI-Assistenz, die eigens für die hohen Anforderungen an Datensicherheit und Datensouveränität im Parlamentsbetrieb aufgebaut wurde.

Was ist PIA?

PIA ist kein neues ChatGPT für die Politik, sondern eine Ergänzung zu den bereits vorhandenen KI-Tools. Nutzen können sie Ratsmitglieder, deren persönliche Mitarbeitende, Fraktionsmitarbeitende sowie die Mitarbeitenden der Parlamentsdienste – also genau die Personen, die täglich mit vertraulichen Unterlagen wie Kommissionsberichten arbeiten.

Umsetzungspartner ist Swisscom. Betrieb und Datenspeicherung erfolgen gemäss Medienmitteilung der Verwaltungsdelegation ausschliesslich durch Swisscom in der Schweiz. Eingegebene Daten werden zudem nicht für das Training von KI-Modellen verwendet. Damit will das Parlament sicherstellen, dass sensible Informationen nicht ins Ausland abfliessen oder in fremden Modellen landen. Für den Pilotbetrieb sind bis zu 150'000 Franken aus dem bestehenden IT-Budget der Parlamentsdienste vorgesehen.

Was PIA kann – und was noch nicht

Nutzerinnen und Nutzer wählen in PIA aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Open-Weight-Modellen; weitere sollen laufend hinzukommen. Der praktische Nutzen liegt derzeit vor allem bei der Verarbeitung von Kommissionsunterlagen bis zur Klassifizierungsstufe «intern».

Deutlich klarer sind die Grenzen: Eine umfassende Internetrecherche oder das Abfragen aktueller Daten sind bislang nicht möglich. PIA ist damit ein bewusst konservativ geschnittenes Werkzeug – kein Allround-Assistent, sondern eine sichere Arbeitsumgebung für einen klar umschriebenen Zweck.

Warum macht das Parlament das?

Ein Anstoss für die Prüfung einer parlamentseigenen KI-Lösung war unter anderem eine inzwischen zurückgezogene Motion der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrats. Im Hintergrund stand die Sorge, dass Parlamentsmitglieder KI-Dienste nutzen könnten, ohne dass die Sicherheit der Schweiz gefährdet wird – etwa wenn Unterlagen in ausländische Clouds hochgeladen werden.

In der Pilotphase soll nun evaluiert werden, wie KI die parlamentarische Arbeit sinnvoll unterstützen kann: Die Nutzung wird ausgewertet, mögliche Anwendungsbereiche werden geprüft, und die Marktentwicklung wird beobachtet. Entscheiden sich die Räte für eine dauerhafte Lösung, soll diese in einem ordentlichen Ausschreibungsverfahren beschafft werden – nicht einfach weitergeführt.

Parallel dazu hat die Verwaltungsdelegation ein Merkblatt zum verantwortungsvollen Umgang mit KI verabschiedet, das die wichtigsten Grundsätze für den Einsatz von KI-Anwendungen im parlamentarischen Umfeld festlegt. Während der Herbstsession stehen den Ratsmitgliedern zudem Spezialistinnen und Spezialisten für KI-Fragen zur Seite.

Schweizer Kontext: Datensouveränität als Leitmotiv

PIA reiht sich in eine Reihe von Schweizer Public-Sector-Projekten ein, die KI unter strengen Datenvorgaben betreiben. Die Stadt Zürich hatte im Frühjahr mit «ZüriA» einen KI-Assistenten für Mitarbeitende lanciert, der alle Daten ausschliesslich in städtischen Rechenzentren verarbeitet. Das Muster ist erkennbar: Statt auf grosse US-Anbieter zu setzen, wird die KI-Infrastruktur so weit wie möglich im Land gehalten – auch wenn das Funktionsumfang kostet.

Meine Einschätzung

Der Pilotbetrieb ist ein vernünftiger, typisch schweizerischer Ansatz: klein anfangen, evaluieren, dann entscheiden. PIA ist bewusst bescheiden – keine Websuche, keine aktuellen Daten, dafür volle Datenkontrolle. Genau diese Beschränkung ist aber der eigentliche Test: Wenn die Parlamentsmitglieder mit PIA nicht arbeiten wollen oder können, nützt die beste Datensouveränität nichts. Die Evaluation nach einem Jahr wird zeigen, ob ein in der Schweiz betriebener, restriktiver KI-Assistent den Alltag im Bundeshaus wirklich verbessert – oder ob die Ratsmitglieder weiterhin zu den grossen, aber datenschutzmässig fragwürdigen kommerziellen Tools greifen.

Für die Schweizer Verwaltung insgesamt ist PIA ein wichtiges Signal: KI-Einsatz und Datensouveränität lassen sich vereinen – wenn man dafür bezahlt und den Komfort einschränkt. Ob das der richtige Weg ist, wird der Pilotbetrieb zeigen.

Quellen