Anthropic hat still und leise ein Wet Lab im Grossraum San Francisco aufgebaut – einen Ort für physische Experimente in der Biologie. Das meldet Reuters in einer Exklusivstory und stützt sich dabei auf zwei mit der Sache vertraute Personen sowie auf Eric Kauderer-Abrams, den Leiter Life Sciences bei Anthropic, der das Labor in einem Interview bestätigte.
Anthropics Biologie-Arbeit hat die reine Computersimulation («in silico») bereits hinter sich gelassen. «Wir glauben, dass der letzte Test in der Biologie noch für eine Weile die echte Laborarbeit sein wird», sagte Kauderer-Abrams. Die Firma gehe dabei typischerweise vor wie ein Biotech-Unternehmen: Ein Teil der Arbeit passiert in eigenen Anlagen, ein Teil mit externen Partnern.
Ein Sprecher relativierte danach allerdings: Das Labor sei «nicht speziell für Drug Discovery», mehr wollte Anthropic nicht verraten. Was genau dort geforscht wird, bleibt also offen.
Das Labor ist laut Reuters ein kleiner Schritt Richtung einer enormen Ambition: Krankheiten angehen, die die Pharmaindustrie vernachlässigt, weil sie sich finanziell nicht lohnen. Bemerkenswert die Begründung einer Quelle: Anthropic wolle das tun, bevor Mitarbeitende und Öffentlichkeit den Glauben verlieren, dass KI Jobverluste – und womöglich Menschenleben – rechtfertigt.
Für CEO Dario Amodei ist das Thema persönlich: Eine Krankheit tötete seinen Vater nur wenige Jahre, bevor ein Heilmittel auf den Markt kam, wie er in einem Essay schrieb. Kauderer-Abrams bestätigte diese Motivation: «Mit Abstand sehen wir die grösste Chance, der Welt zu nützen, in den Life Sciences – das motiviert alles, was wir tun.»
Konkret will Anthropic die Grenzen ausreizen, wie sein Modell Claude robotische Laboreinheiten ansteuern kann, um Experimente mit wenig menschlichem Eingriff durchzuführen. Menschliche Aufsicht bleibt aber Pflicht. «Wir sind in den allerersten Innings, Laborarbeit mit KI zu automatisieren», sagte Kauderer-Abrams – mit Potenzial für erhebliche Beschleunigung.
Die Ambition ist riesig, die Realität ernüchternder: Isomorphic Labs, die Drug-Discovery-Schwester von Alphabet, versucht seit Jahren, in die Klinik zu kommen, und hat dieses Ziel kürzlich auf Ende 2026 verschoben. Die meisten Medikamente scheitern an den klinischen Prüfungen. Welche Krankheiten Anthropic konkret angeht, blieb offen.
Die Meldung kommt in einer bemerkenswerten Phase: Erst vor zwei Wochen warnten Anthropic-Forscher, KI könne zur menschlichen Auslöschung führen, und das Unternehmen meldete Beispiele, in denen seine Systeme Richtung Biowaffen-Entwicklung hätten genutzt werden können – mit einiger Skepsis in der Fachwelt. Amodei rief gleichzeitig zum Tempobremsen auf. Und parallel bereitet Anthropic ein möglicherweise 2 Billionen Dollar schweres IPO vor.
Life Sciences ist bereits einer der grössten Investitionsbereiche des Unternehmens gemessen an Personal und Ressourcen. Zuletzt lancierte Anthropic die Software Claude Science, holte Novartis-CEO Vas Narasimhan in den Verwaltungsrat und übernahm laut Medienberichten das Startup Coefficient Bio für rund 400 Millionen Dollar in Aktien. Eine Stellenanzeige bringt es auf den Punkt: «Unser Ziel ist es, den Fortschritt in den Life Sciences um eine Grössenordnung zu beschleunigen.»
Interessant ist, was Anthropic bewusst nicht tut: keine klinischen Prüfungen. Dafür gibt es zwei Gründe – ein Geschäftsproblem und ein Vertrauensproblem. Pharma-Kunden wie Genentech (Roche), Bristol Myers Squibb und Novo Nordisk nutzen zwar bereits Anthropics Tools, könnten aber nervös werden, wenn der KI-Anbieter aus ihren konkurrierenden Programmen lernt, auch wenn die Daten abgeschottet sind. «Wir konkurrieren nicht mit Pharma- und Biotech-Firmen, die ihr Geschäft darin sehen, Medikamente auf den Markt zu bringen», sagt Kauderer-Abrams.
Die Meldung zeigt auf eindrückliche Weise, wie sich das Selbstbild der KI-Firmen verschiebt: Anthropic, das sich als sicherheitsbewusstestes AI-Labor positioniert und zum Tempomachen aufruft, baut gleichzeitig ein physisches Biologie-Labor. Die Botschaft dahinter ist klar gerechnet: Wer behauptet, KI rette Menschenleben, muss irgendwann beweisen können, dass da tatsächlich ein Medikament am Patienten ankommt. Dafür braucht es nasse Laborbänke, nicht nur bessere Benchmarks.