Amazon hat einen seiner ältesten und bekanntesten Dienste aufs Altenteil geschickt: Mechanical Turk nimmt ab 30. Juli keine neuen Kunden mehr an. Was wie eine Routineentscheidung wirkt, ist in Wahrheit eine der ironischsten Geschichten der Tech-Geschichte.
Seit 2005 verband Amazon Auftraggeber mit einer weltweiten Armee von Gig-Workern, die für Cent-Beträge Mikro-Tasks erledigten: Bilder kategorisieren, Kommentare moderieren, Daten sammeln, Texte transkribieren. Amazon nannte diese Menschen stolz eine „weltweite Ressource".
Der Name stammt vom historischen Schachtürken von 1770: Ein vermeintlich mechanischer Automat, der eigenständig Schach spielte. Tatsächlich versteckte sich darin ein menschlicher Spieler. Die Analogie war perfekt – auch bei Amazon saßen hinter der digitalen Fassade echte Menschen.
Unter den Kunden von Mechanical Turk waren nicht nur kleine Firmen, sondern auch schweres Geschütz: Das KI-Forschungsinstitut Allen Institute for AI (AI2) und die Forschungsabteilung von Baidu nutzten die Plattform, um Datensets für ihre KI-Modelle zu erstellen und zu verbessern.
Hier wird es bizarr: Die menschlichen Worker auf Mechanical Turk haben mit ihrer Arbeit dazu beigetragen, die Systeme zu trainieren, die sie heute ersetzen.
Eine Schweizer Studie aus dem Jahr 2023 deckte auf, dass bereits 33 bis 46 Prozent der Gig-Worker auf Mechanical Turk selbst auf KI-Unterstützung zurückgriffen, um mehr Tasks zu schaffen. Die menschlichen Worker nutzten also Sprachmodelle, um die Aufgaben zu erledigen, mit denen wiederum andere Sprachmodelle trainiert wurden.
Dieser Kreislauf hat einen Namen: Model Collapse. Wenn KI-Systeme mit Daten trainiert werden, die teilweise von anderen KI-Systemen generiert wurden, verlieren sie an Qualität und Vielfalt. Die Modelle beginnen, sich selbst zu imitieren, statt die reale Welt abzubilden.
Mechanical Turk war jahrelang ein wichtiger Lieferant für Trainingsdaten. Firmen wie OpenAI, Google und Meta – ob direkt oder indirekt – profitierten von der preiswerten menschlichen Arbeit, die die Grundlage für ihre milliardenschweren Modelle legte.
Die offizielle Begründung ist wenig aufschlussreich. Doch die Zeichen standen schon lange auf Sturm: Im MTurk-Subreddit häuften sich Beschwerden über ausbleibende Tasks. Die Nachfrage schwand – nicht zuletzt, weil Unternehmen zunehmend auf reine KI-Lösungen setzen oder die Tasks intern mit eigenen Tools erledigen.
Die Gig-Worker, die einst für wenige Cents Bilder beschrifteten, wurden zuerst von KI unterstützt und dann ganz ersetzt. Die Plattform, die die Datenrevolution mitermöglichte, wird nun von ebendieser Revolution überrollt.
Mechanical Turk wird als Fallstudie in die Geschichte eingehen: Ein Dienst, dessen menschliche Worker unwissentlich an ihrem eigenen Ersatz mitbauten. Der Schachtürke von Amazon hat sich selbst in den Schwanz gebissen – nicht durch technisches Versagen, sondern durch den Erfolg der Technologie, die er mitermöglichte.
Für die verbleibenden Gig-Worker bleibt die bittere Erkenntnis: Sie waren nie die „Ressource", für die sie sich Amazon hielt. Sie waren der Treibstoff für eine Maschine, die nun ohne sie läuft.
Quelle: futurezone.at