Murratore's Micro Blog

Jun 2026

USA sperrt die weltbeste KI: Was das für Europa bedeutet

USA sperrt die weltbeste KI: Was das für Europa bedeutet

Die US-Regierung hat einem der führenden KI-Unternehmen der Welt einen Schlag versetzt: Die KI-Modelle Mythos 5 und Fable 5 des Unternehmens Anthropic dürfen ab sofort nicht mehr von Menschen ausserhalb der USA genutzt werden. Das Unternehmen reagierte mit einem radikalen Schritt und schaltete beide Modelle komplett ab – auch für Amerikaner.

Was ist passiert?

Die US-Regierung verhängte Exportkontrollen für die beiden stärksten KI-Modelle von Anthropic. Das bedeutet: Nicht-US-Bürger dürfen sie nicht mehr nutzen – egal, ob sie in Europa, Asien oder sogar gerade in den USA auf Urlaub sind.

Anthropic zog daraus die Konsequenzen und schaltete die Modelle für sämtliche Kunden ab. Das Unternehmen fühlt sich ungerecht behandelt, denn ähnlich leistungsstarke Modelle von OpenAI und Google sind von der Sperre nicht betroffen.

Warum gerade Anthropic?

Anthropic hatte sein Modell Mythos 5 schon im April als besonders gefährlich eingestuft und nur einer Handvoll US-Unternehmen zur Verfügung gestellt – darunter Amazon, Apple, Microsoft, Google, Nvidia und Cisco. Das Modell konnte bislang unbekannte Sicherheitslücken in Computersystemen finden und ausnutzen.

Der Auslöser für die Sperre kam ausgerechnet vom Investoren Amazon: Forscher des Konzerns fanden eine Möglichkeit, die Sicherheitsvorrichtungen von Fable 5 zu umgehen. Das Modell begann daraufhin, Informationen zu liefern, die für Cyberangriffe nützlich sein können. Amazon-Chef Andy Jassy soll die US-Regierung persönlich darauf hingewiesen haben.

Was bedeutet das für Europa?

Kurzfristig: Kaum spürbar

Die meisten Unternehmen in Europa konnten die beiden Modelle bereits vor der Sperre nicht nutzen. Mythos war ohnehin nur wenigen Partnern zugänglich. Anthropic leitete sensible Anfragen an Fable 5 schon zuvor auf ein schwächeres Modell um.

Langfristig: Ein Weckruf

Der Vorfall zeigt ein fundamentales Problem: Deutschland und Europa sind beim Zugang zu den stärksten KI-Modellen vom Wohlwollen der US-Regierung abhängig.

So formulierte es Ralf Wintergerst, Präsident des Digitalverbandes Bitkom. Die Abhängigkeit beeinträchtige nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Sicherheit und die Wissenschaft.

Europas Reaktion

Der Schock sitzt tief. Bisher dachten viele in Europa, man könne sich auf die Anwendung von KI spezialisieren und die teuren Basis-Modelle einfach aus den USA importieren. Diese Rechnung hat sich nun als falsch erwiesen.

Europa reagiert nun auf mehreren Ebenen:

  • SOOFI-Projekt: Auf der Industrial AI Cloud der Deutschen Telekom sollen mehrere deutsche Forschungsinstitute eigene Modelle entwickeln
  • Deutsch-Französische Kooperation: Die KI-Spitzenforschungsinstitute beider Länder sollen enger zusammenarbeiten
  • Invest-AI-Initiative: Die EU-Kommission will 200 Milliarden Euro in europäische KI mobilisieren – 150 Milliarden aus der Privatwirtschaft, 50 Milliarden aus öffentlichen Mitteln
  • Open-Source-Fokus: Im Gegensatz zu den geschlossenen amerikanischen Systemen setzt Europa auf offene Modelle, bei denen Architektur und Trainingsdaten öffentlich einsehbar sind

China profitiert

Während Europa noch plant, hat China bereits reagiert. Das börsennotierte Pekinger Start-up Zhipu AI präsentierte am Samstag ein neues Modell – und nutzte die Gelegenheit für einen Seitenhieb: Moderne KI solle nicht nur einer kleinen Minderheit vorbehalten sein, sondern offen und zugänglich sein.

Die Börse feierte die Nachricht mit einem Feuerwerk: Die Zhipu-Aktie legte in Hongkong um ein Drittel zu.

Was bleibt?

Für Europa ist der Fall ein deutliches Signal: Wer KI nicht selbst kontrolliert, wird von anderen kontrolliert. Der Vorwurf, die europäische KI-Politik sei zu langsam und zu zaghaft, gewinnt an Gewicht.

Bis Europa eigene wettbewerbsfähige Modelle hat, bleibt nur eines: Sich abzusichern. Unternehmen werden wohl verstärkt damit beginnen, ihre KI-Systeme über mehrere Anbieter zu verteilen – nicht nur aus dem einen Land, das heute die Stärksten hat.


Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung