Die US-Regierung hat einem der führenden KI-Unternehmen der Welt einen Schlag versetzt: Die KI-Modelle Mythos 5 und Fable 5 des Unternehmens Anthropic dürfen ab sofort nicht mehr von Menschen ausserhalb der USA genutzt werden. Das Unternehmen reagierte mit einem radikalen Schritt und schaltete beide Modelle komplett ab – auch für Amerikaner.
Die US-Regierung verhängte Exportkontrollen für die beiden staerksten KI-Modelle von Anthropic. Das bedeutet: Nicht-US-Buerger duerfen sie nicht mehr nutzen – egal, ob sie in Europa, Asien oder sogar gerade in den USA auf Urlaub sind.
Anthropic zog daraus die Konsequenzen und schaltete die Modelle fuer saemtliche Kunden ab. Das Unternehmen fühlt sich ungerecht behandelt, denn aehnlich leistungsstarke Modelle von OpenAI und Google sind von der Sperre nicht betroffen.
Anthropic hatte sein Modell Mythos 5 schon im April als besonders gefaehrlich eingestuft und nur einer Handvoll US-Unternehmen zur Verfuegung gestellt – darunter Amazon, Apple, Microsoft, Google, Nvidia und Cisco. Das Modell konnte bislang unbekannte Sicherheitsluecken in Computersystemen finden und ausnutzen.
Der Ausloeser fuer die Sperre kam ausgerechnet vom Investoren Amazon: Forscher des Konzerns fanden eine Moeglichkeit, die Sicherheitsvorrichtungen von Fable 5 zu umgehen. Das Modell begann daraufhin, Informationen zu liefern, die fuer Cyberangriffe nuetzlich sein koennen. Amazon-Chef Andy Jassy soll die US-Regierung persoenlich darauf hingewiesen haben.
Die meisten Unternehmen in Europa konnten die beiden Modelle bereits vor der Sperre nicht nutzen. Mythos war ohnehin nur wenigen Partnern zugaenglich. Anthropic leitete sensible Anfragen an Fable 5 schon zuvor auf ein schwaecheres Modell um.
Der Vorfall zeigt ein fundamentales Problem: Deutschland und Europa sind beim Zugang zu den staerksten KI-Modellen vom Wohlwollen der US-Regierung abhaengig.
So formulierte es Ralf Wintergerst, Praesident des Digitalverbandes Bitkom. Die Abhaengigkeit beeintraechtige nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Sicherheit und die Wissenschaft.
Der Schock sitzt tief. Bisher dachten viele in Europa, man koenne sich auf die Anwendung von KI spezialisieren und die teuren Basis-Modelle einfach aus den USA importieren. Diese Rechnung hat sich nun als falsch erwiesen.
Europa reagiert nun auf mehreren Ebenen:
Waehrend Europa noch plant, hat China bereits reagiert. Das boersennotierte Pekinger Start-up Zhipu AI praesentierte am Samstag ein neues Modell – und nutzte die Gelegenheit fuer einen Seitenhieb: Moderne KI solle nicht nur einer kleinen Minderheit vorbehalten sein, sondern offen und zugaenglich sein.
Die Boerse feierte die Nachricht mit einem Feuerwerk: Die Zhipu-Aktie legte in Hongkong um ein Drittel zu.
Fuer Europa ist der Fall ein deutliches Signal: Wer KI nicht selbst kontrolliert, wird von anderen kontrolliert. Der Vorwurf, die europaeische KI-Politik sei zu langsam und zu zaghaft, gewinnt an Gewicht.
Bis Europa eigene wettbewerbsfaehige Modelle hat, bleibt nur eines: Sich abzusichern. Unternehmen werden wohl verstaerkt damit beginnen, ihre KI-Systeme ueber mehrere Anbieter zu verteilen – nicht nur aus dem einen Land, das heute die Staerksten hat.
Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung