Murratore's Micro Blog

May 2026

Vibe Coding: Was man wirklich können muss – und warum es trotzdem Sinn macht

Vibe Coding: Was man wirklich können muss – und warum es trotzdem Sinn macht

Veröffentlicht am 18. Mai 2026

Die ETH Zürich hat untersucht, welche Fähigkeiten man braucht, um mit KI erfolgreich Software zu entwickeln. Die Antwort ist weniger überraschend als erhofft – aber sie erklärt auch, warum Vibe Coding seine Daseinsberechtigung hat.

Was die ETH-Studie zeigt

100 Studierende mit Informatik-Grundkenntnissen mussten mit einem KI-Agenten Apps nachbauen und erweitern. Die Forscher um Theo Weidmann und Zhendong Su fanden zwei klare Erfolgsfaktoren:

1. Informatik-Wissen zählt am meisten

Wer versteht, wie Programme strukturiert sind, kann der KI präzisere Anweisungen geben – auch ohne den Code selbst zu schreiben. Die Studie zeigt: Informatik-Kenntnisse hatten den stärksten Einfluss auf den Erfolg.

„Gute Informatiker können die Struktur einer App präziser planen und Fehler schneller debuggen. Sie kennen auch die relevanten Fachbegriffe, um den KI-Agenten gezielter zu steuern." – Theo Weidmann, ETH Zürich

2. Klare Sprache ist wichtig

Gute Schreibfähigkeiten korrelieren signifikant mit besseren Ergebnissen. Unklare oder unpräzise Formulierungen führen zu fehlerhafter Software.

Die Überraschung: Häufige LLM-Nutzer schneiden schlechter ab

Wer ChatGPT & Co. im Alltag intensiv nutzt, erreichte nicht nur schlechtere Essay-Ergebnisse – sondern auch schlechtere Ergebnisse beim Vibe Coding. Die Forscher vermuten, dass häufige KI-Nutzung die eigene Ausdrucksfähigkeit schwächt.

Die zweite ETH-Studie: KI als Fehlerproduzent

Parallel untersuchte ein Team um Professor Martin Vechev, wie gut KI-Agenten korrekten Code korrigieren. Das Ergebnis ist ernüchterend:

• In mehr als 70 Prozent der Fälle „korrigierte" die KI Code, der bereits fehlerfrei war • Menschliche Expertise bleibt unverzichtbar • Vollständige Automatisierung ist noch nicht realistisch

Warum Vibe Coding trotzdem Sinn macht

Diese Studienergebnisse klingen nach einem Dämpfer für den Vibe-Coding-Hype. Aber sie erzählen nur die halbe Geschichte.

Vibe Coding ist nicht dafür da, Profis zu ersetzen. Es ist ein Werkzeug für eine neue Zielgruppe: Menschen, die Ideen haben, aber keine Zeit oder Lust haben, sich jahrelang in Python oder Java einzuarbeiten.

Die Daseinsberechtigung liegt in drei Bereichen:

Prototyping: Schnell eine Idee testen, ohne Wochen in Setup und Boilerplate zu investieren • Niederschwellige Automatisierung: Kleine Tools für den persönlichen Alltag bauen – von Budget-Trackern bis zu Textverarbeitung • Lernen durch Machen: Wer mit KI codet, versteht schneller, wie Software funktioniert, als mit Lehrbüchern

Die ETH-Studie bestätigt: Wer Informatik-Grundlagen hat, ist im Vorteil. Aber das bedeutet nicht, dass Vibe Coding sinnlos ist – es bedeutet nur, dass es ein Werkzeug auf einem Spektrum ist. An einem Ende steht der Informatiker, der KI als effizienten Pair-Programmer nutzt. Am anderen Ende der Laie, der seine erste App baut.

Beide profitieren – nur auf unterschiedliche Weise.


Quelle: ETH Zürich – What skills do people need to successfully program with AI?